Wahre Liebe

Traum oder erlebbare Wirklichkeit?

Für mich bedeutet wahre Liebe das Anerkennen des göttlichen Wesens im anderen. Diesem unsere Aufmerksamkeit zu schenken und ihm zum freien Ausdruck zu verhelfen empfinde ich als aktive und bedingungslose Liebe. Sie ist die Urkraft, die zum Wohlergehen in allen Lebensbereichen führt. Von der begrenzten und einengenden Liebe, die Bedingungen stellt, zur wahren Liebe zu gelangen ist ein ständiger und lebenslanger innerer Prozeß, bei dem wir immer uns selbst begegnen und uns darin üben dürfen, eigene Begrenzungen im Denken, Fühlen und Handeln zu überschreiten. Diese Entfaltung findet in unserem Innern statt. Unsere Mitmenschen, mit denen wir üben dürfen, spiegeln uns im Miteinander wider, was wir lernen dürfen, um in die wahre Liebe zu kommen.

Wahre Liebe bringt Wohlergehen auf natürliche Weise

Liebe belebt uns, läßt uns aufblühen, spornt uns an, versetzt uns in Schwung, befreit uns aus der Befangenheit finsterer Gedanken und Empfindungen. Sie aktiviert uns in vielfältiger Weise, so daß wir in allen Lebensbereichen bessere Ergebnisse erreichen und in jeder Hinsicht gesunden. Dieser Zustand erfaßt darüber hinaus unsere Beziehungen und Umstände. Wahre Liebe fließt aus der Tiefe unseres Seins und durchdringt und läutert unser Gemüt. In dem Maße, wie wir Läuterung im Denken, Fühlen und Handeln erfahren, erleben wir Ausgeglichenheit, Frieden, Gesundheit, gute Beziehungen, gute Versorgung und wir fühlen uns wohl. Wohlergehen bedeutet für jeden von uns etwas anderes. Für die einen bedeutet Wohlergehen Wohlstand, womit sie »viel Geld« meinen, also Mittel, sich viel leisten zu können. Für andere bedeutet Wohlergehen verbesserte Gesundheit, ein glückliches Familienleben, eine gewünschte Ausbildung zu erhalten, ein vertieftes spirituelles Leben führen zu können, Frieden im Gemüt, gute zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften, eine erfüllende Partnerschaft. Die Erfüllung eines geheimen Wunsches in unserem Herzen bedeutet Wohlergehen, nach dem wir Ausschau halten.

Was hat Liebe mit Wohlergehen zu tun?

Wo jetzt noch Mangel empfunden werden mag, beseitigt Liebe das Gefühl von Mangel. Wo jetzt noch Fülle und Wohlergehen anzutreffen ist, läßt mangelnde Liebe (mangelnde Aufmerksamkeit) Fülle und Wohlergehen schwinden. Liebe ist die Macht, die alles Gute freisetzt, das schon in jedem von uns eingepflanzt ist, uns eingeboren ist, in jedem Menschen, in jedem Mann, in jeder Frau, in jedem Kind. Sie wartet lediglich darauf, von uns freigesetzt zu werden. Wahre Liebe ist der Magnet, der alles Gute an uns heranzieht.

Gibt es Regeln, wahre Liebe zu entfalten? Nun, ich kenne Empfehlungen wie »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« und »Segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen« (Matth. 5, 44), »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu« oder »Was du willst, das man dir tu, das tu du einem anderen zuerst«. Das 13. Kapitel vom ersten Brief des Paulus an die Korinther wird häufig zitiert, wenn von wahrer Liebe die Rede ist. Ich empfehle, diesen Brief von Anfang an vollkommen durchzulesen, um die Worte Paulus besser erfassen zu können, die er an ein Volk schrieb, das sich trotz der Kenntnis um die Lehre Jesu untereinander zankte. (13. Kapitel siehe Seite 9) Auf diese Empfehlungen und auf die Worte Paulus komme ich später noch zurück. Wenn wir uns darin üben wollen, aus wahrer Liebe und reinen Beweggründen zu denken, zu fühlen und zu handeln, könnten wir uns fragen: »Möchte ich, daß andere so von mir denken, so fühlen und so sich mir gegenüber verhalten, wie ich es tue? Unser Denken, Fühlen und Handeln sollte das Wohl aller in sich tragen.

Solange wir unsicher sind und die eigene innere Führung noch nicht deutlich wahrnehmen, können wir uns auch an Menschen orientieren, die ein hohes Maß an wahrer Liebe in ihrem eigenen Leben bereits verwirklicht haben, und von ihrem Verhalten lernen. Nehmen wir als Ausgangspunkt unserer weiteren Betrachtungen die Worte von Mira Alfasa, die Stufen unserer Liebesfähigkeit aufzeigen:

Zunächst liebt man nur, wenn man geliebt wird, dann liebt man spontan, will jedoch auch geliebt werden, später übt man, auch wenn man nicht geliebt wird, jedoch liegt einem daran, daß die Liebe angenommen werde, und schließlich liebt man rein und einfach, ohne ein anderes Bedürfnis und ohne eine andere Freude als nur zu lieben.

Nehmen wir die erste Aussage: »Zunächst liebt man nur, wenn man geliebt wird«. Das heißt, wir warten darauf, daß uns Liebe entgegengebracht wird. Wir warten auf ein Zeichen und öffnen uns, wenn wir uns angenommen und geliebt fühlen. Wenn wir uns angenommen und geliebt fühlen, kommt ein gutes Gefühl in uns in Resonanz, und wir neigen dazu, dieses in uns erglühende Gefühl zu erwidern. Dieses Gefühl der Liebe in Resonanz ist eine Gemütsbewegung, die kommt und geht. Sie ist eine Emotion und deshalb auch nicht beständig. Sie kann wie ein Strohfeuer sich entzünden und verlöschen.
Und dennoch, dieses in uns angeregte Gefühl der Liebe bringt alles in uns zum Fließen. Und tatsächlich werden die Lebenskraft und damit auch die Lebenssäfte angeregt. Sobald wir aus irgendeinem Grund zu lieben aufhören, staut die Lebenskraft in uns und das Fließen des Lebensstromes verringert sich auf das Maß unserer gegenwärtigen Liebesfähigkeit. Angenommen wir fühlen uns nicht verstanden. zurückgewiesen oder gar verletzt und ziehen uns deshalb zurück, nehmen wir auch unsere Ausstrahlung und den Wunsch nach Ausdruck zurück, was zum Stau der Lebenskraft in uns führt. Dieser unterdrückte Wunsch nach Ausdruck staut zunächst die Lebenskraft im Gemüt (weil eine Gemütsbewegung, eine Emotion, sie hervorruft) und dann im physischen Körper. Die Gemütsvorgänge spiegeln sich im Körper wider. Der Körper trägt die empfundene Kränkung, die das Gemüt nicht verarbeiten kann, als Krankheit aus.

Wenn wir aus welchem Grund auch immer nicht in der Liebe bleiben und über andere Menschen nicht gut denken, stattdessen eine voreingenommene, zurückweisende und ablehnende Haltung ihnen gegenüber einnehmen, schaden wir uns selbst. Die Lebenskraft staut in dem Menschen, der nicht liebt oder sich nicht geliebt fühlt.

Auf dieser Stufe machen wir uns völlig abhängig von dem, was uns an Liebe und Wohlwollen entgegengebracht wird. Wir geben unwissend Macht über uns nach außen ab, weil wir um die Macht im eigenen Innern noch nicht wissen. Wir haben noch keine Erfahrung mit ihr gemacht. Unsere Bedürftigkeit steuert uns. Das macht deutlich, daß wir unser wahres Wesen und Zusammenhänge des Lebens noch nicht verstehen. Wir meinen, das Leben und die Liebe käme von außen auf uns zu. Wir haben noch keinen Zugang zu dem Schatz im eigenen Innern und zu der Macht der Liebe in uns.

Die nächste Stufe: man liebt spontan, will jedoch wiedergeliebt werden« erinnert uns daran, was wir vielleicht schon alles unternommen haben, damit unsere Liebe erwidert werde. Was tun wir nicht alles, um von unseren Eltern geliebt zu werden, vom gewählten Partner, von Freunden usw.? Bedenken wir unsere Anstrengungen, die wir uns auferlegt haben, nur um geliebt zu werden.

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Herz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich. die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagun¬gen aufhören werden und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. Denn unser Wissen ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene. so wird das Stückwerk aufhören. Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindliche Anschläge; da ich aber ein Mann ward, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Paulus, 1. Korintherbrief, 13. Kapitel

Rosemarie Schneider-Bassett

Rosemarie Schneider-Bassett

Rosemarie Schneider-Bassett war über 25 Jahre lang Autorin mit vielen hundert Veröffentlichungen und Audio-Kursen sowie Seminarleiterin in mehreren europäischen Ländern sowie in den USA.